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Jeder Streit hat seine Grenzen (Gastkommentar Paul Schmidt, Wiener Zeitung)

Sind die sommerlichen Reisewarnungen Schnee von gestern?
Im Frühjahr war der Schock über die rasche Ausbreitung des Corona-Virus allgegenwärtig. Nationale Grenzbalken wurden gesenkt, um die Ansteckungsgeschwindigkeit zu reduzieren und Zeit zu gewinnen. Die Auswirkungen auf die grenzüberschreitende Mobilität ließen nicht lange auf sich warten. Pendler, Pflege- und medizinisches Personal sowie Erntehelfer konnten weder vor noch zurück. Sonderregelungen mussten mühsam erarbeitet werden, um die auch für Österreich so notwendigen Arbeitskräfte nicht dauerhaft zu verlieren. Zumindest konnte in dieser Situation der so wichtige Güterverkehr aufrechterhalten werden. Der Grad der gegenseitigen Vernetzung und grenzüberschreitenden Verbundenheit war plötzlich für alle ersichtlich.

Im Sommer wurde dann die “Homecation” ausgerufen. Eindringlich wurde gebeten, den Urlaub zuhause zu verbringen. In jenem Land, das angeblich als eines der besten durch die Corona-Pandemie gekommen sei. Etliche, die sich dennoch entschlossen, ihren Urlaub woanders zu genießen, wurden durch regional wenig differenzierte Reisewarnungen spontan motiviert, ihre Ferien vorzeitig abzubrechen. Andere ließen sich nach der regulären Rückkehr aus einem neu definierten Risikogebiet – kostenpflichtig und zumindest einmalig – testen. War etwa Kroatien als Urlaubsland verpönt, waren Touristen in Österreich hingegen herzlichst willkommen.

Jetzt im Herbst ist das bis dato vermeintlich sichere Österreich keine Corona-bedingte Insel der Seligen mehr. War das Virus vielleicht gar nie weg? Die dramatisch hohen Infektionszahlen führten zu traurigen Rekorden sowie einem zweiten Lockdown und brachten Intensivstationen an ihre Grenzen. Eine entscheidende Lehre wurde aus der ersten Welle aber sehr wohl gezogen: Corona kennt weder Grenzen noch Nationalitäten. Die Grenzbalken bleiben diesmal geöffnet.

Gerade die Alpenländer stehen – vor dem Einbruch des Winters – wieder vor der Herausforderung, eine Balance zwischen gesundheitlicher Notwendigkeit und wirtschaftlicher Möglichkeit zu finden. In Österreich soll ein begrenztes, gesichertes Skifahren stattfinden, wenn es denn die Infektionszahlen zulassen. Jetzt sind es etliche Nachbarländer, die warnen. Die eigenen Motive der sommerlichen Reiseskepsis, bei weitaus niedrigeren Infektionszahlen, scheinen vergessen. Die Entscheidung über offene Skipisten und alles drumherum liegt wohl bei uns, jene über konkrete Reiseformalitäten ausländischer Wintertouristen aber woanders.

Der länderübergreifende Mangel an direkter Kommunikation, Koordination und Vertrauen ist augenscheinlich – ein weiteres Indiz dafür, dass sich die EU und ihre Mitgliedsländer auf eine Gesundheitskrise dieser Dimension zukünftig wesentlich besser einstellen und vorbereiten müssen. Die Verwirklichung und Ausgestaltung einer europäischen Gesundheitsunion wäre ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Nicht zuletzt, damit sich in einer solchen Krisensituation wirklich niemand mehr mit nationalen Grenz- und Reisefragen auseinandersetzen muss.