Dieser Artikel wurde vom Französischen ins Deutsche übersetzt. Post-Editing: Sophie Holler.
Österreich feiert in diesem Jahr das 30-jährige Jubiläum seines Beitritts zur Europäischen Union. Die Alpenrepublik mit ihren 9 Millionen Einwohnern ist im Jahr 1995 beigetreten – drei Jahrzehnte später lässt sich feststellen: Österreich profitiert wirtschaftlich in hohem Maße von seiner EU-Mitgliedschaft.
Aus Wien berichtet unsere Korrespondentin,
Gabriel Felbermayr, Direktor des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (WIFO), sieht drei zentrale Vorteile der EU-Mitgliedschaft für Österreich. „Da ist zunächst ganz offensichtlich der europäische Binnenmarkt. Wäre Österreich nur von seinem eigenen Markt abhängig, könnten sich die Unternehmen nicht in gleichem Maße spezialisieren. Das gilt für kleine Länder wie Österreich sehr viel stärker als für große wie Frankreich. Hinzu kommen der Schengenraum und schließlich die europäische Währungspolitik. Sie ist für ein Land wie Österreich sehr wichtig, das sich zuvor an der Deutschen Mark orientiert hatte, aber kein Mitspracherecht besaß.“
In einer Studie für das WIFO hat Felbermayr diese Vorteile quantifiziert und damit auch berechnet, was Österreich bei einem sogenannten „Öxit“, also einem Austritt aus der Europäischen Union, verlieren würde.
Die Ergebnisse sind eindeutig. „Nach unseren Berechnungen beläuft sich der positive Effekt der EU-Mitgliedschaft Österreichs auf sieben bis acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist viel. Und da Österreich ein reiches Land ist, entsprechen sieben Prozent etwa 4.000 Euro pro Einwohner. In Österreich wird häufig kritisiert, dass diese 4.000 Euro nicht kostenlos sind und man dafür einen Beitrag zahlen muss. Dieser Beitrag ist jedoch relativ gering. Österreich zahlt rund drei Milliarden Euro an die EU und erhält zwei Milliarden zurück, also einen Nettobeitrag von einer Milliarde. Wir haben neun Millionen Einwohner, das bedeutet, dass der Nettobeitrag pro Einwohner bei etwa 110 Euro liegt. Man zahlt also 110 Euro und erhält 4.000 Euro zurück, das ist eine ziemlich gute Investition.“
Ausgeprägte Unzufriedenheit
Trotzdem zeigen die Eurobarometer-Umfragen, EU-weite Meinungsumfragen, Jahr für Jahr eine deutliche Unzufriedenheit der Österreicher gegenüber Europa.
In der jüngsten Erhebung, die im September 2025 veröffentlicht wurde, sind nur 60 Prozent der Befragten davon überzeugt, dass ihr Land von der EU-Mitgliedschaft profitiert, gegenüber einem Durchschnitt von 73 Prozent in der gesamten Europäischen Union. Und nur 38 Prozent der Österreicher haben eine positive Meinung von der EU. Österreich gehört damit zu den unzufriedensten der 27 Mitgliedstaaten. Ein Thema bündelt diesen Unmut besonders stark und gilt laut Eurobarometer als wichtigste Priorität der Österreicher: die Migration.
Das zeigt sich in Nickelsdorf, einem Ort mit weniger als 2.000 Einwohnern an der Grenze zu Ungarn im Burgenland. Im Jahr 2015, während der sogenannten Flüchtlingskrise, war das Dorf einer der wichtigsten Grenzübergänge. Innerhalb weniger Wochen kamen rund 300.000 Flüchtlinge, vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, aus Ungarn nach Nickelsdorf, in der Hochphase bis zu 20.000 pro Tag. Zelte wurden aufgebaut und Transportmittel organisiert, da diese Flüchtlinge weiter nach Westeuropa wollten, insbesondere nach Deutschland.
Der sozialdemokratische Bürgermeister der Gemeinde seit fast 30 Jahren, Gerhard Zapfl, räumt ein, dass man sich damals angesichts dieser Notsituation allein gelassen fühlte, und beklagt das Fehlen einer koordinierten Strategie der 27 Mitgliedstaaten. „2015 hatte die Europäische Union keine Antwort auf dieses Problem – und bis heute muss ich feststellen, dass sich daran nichts geändert hat.“
Nach seiner Einschätzung hat diese Krise dauerhafte Spuren hinterlassen, sowohl in Nickelsdorf als auch in ganz Österreich. „Die Folge dieser Flüchtlingswelle ist, dass die Skepsis gegenüber Ausländern stetig zugenommen hat. Und diese Situation lässt sich instrumentalisieren. Das ist in Österreich mit der rechtsextremen FPÖ der Fall, die alle Themen, die das Land betreffen, auf die Migration zurückführt“, erklärt er und fügt hinzu, dass sich diese Skepsis auch gegen die Europäische Union richte. „Die EU versagt in dieser Frage vollständig, und das enttäuscht sehr viele Menschen.“
Jugendliche für die EU interessieren
Die FPÖ befindet sich derzeit in der Opposition, ist in den Umfragen jedoch stärkste Kraft mit rund 35 Prozent der Stimmen. Kevin sagt von sich, dass er sich mit dieser Partei identifiziert. Der junge Mann lebt in Sattledt in Oberösterreich, einer Gemeinde mit weniger als 3.000 Einwohnern, „in der jeder jeden kennt“, und betreibt dort seit zwei Jahren ein Café.
„Die Idee einer Union zwischen den europäischen Ländern, aus der Perspektive einer Wirtschaftsgemeinschaft und eines Friedensprojekts, ist etwas sehr Positives“, sagt er. Seine heute sehr kritische Haltung gegenüber der Europäischen Union begründet er jedoch vor allem mit der europäischen Migrationspolitik. „Wir werden die Situation nicht in den Griff bekommen, wenn wir keinen Schutz der Grenzen haben. Das ist typisch für die EU. Wir diskutieren und verhandeln endlos, statt schnell Maßnahmen zu ergreifen.“
Um diese Unzufriedenheit der Österreicher gegenüber der EU zu verstehen und ihr entgegenzuwirken, ist Rüya Buga seit zwei Jahren in ganz Österreich unterwegs. Die junge Frau arbeitet für die Österreichische Gesellschaft für Europapolitik (ÖGfE) und hält Workshops zur Europäischen Union an Schulen im ganzen Land. „Ich höre von den Schülerinnen und Schülern oft die Antwort: ‚Das interessiert mich nicht.‘ Dann antworte ich ihnen: ‚Du bist jung, oder? Vielleicht möchtest du eines Tages umziehen, einen guten Job haben, dir bestimmte Dinge leisten können? All das sind politische Themen, die dein Leben beeinflussen. Also muss dich das auf die eine oder andere Weise interessieren.‘“
Ziel dieser Workshops ist es, die Arbeit der Europäischen Union und ihre konkreten Auswirkungen auf den Alltag besser verständlich zu machen und ein Bewusstsein zu schaffen. Es gehe darum, „ein Bewusstsein entstehen zu lassen“, denn, so ihr Fazit, „wir alle leben in der Europäischen Union und müssen dazu beitragen, sie mitzugestalten. Denn wir sind die Jugend, und hier geht es schließlich um unsere Zukunft.“
(Radio France Internationale, 03.12.2025)
