Europa ist seit Jahren im Krisenmodus und versucht die großen Herausforderungen als Team zu meistern. Will man im globalen Wettbewerb bestehen, helfen die besten Einzelspieler nicht. Auf das Zusammenspiel kommt es an. Nicht unähnlich den Fußballnationalmannschaften, die gerade um den Weltmeistertitel ringen. Auch für Europa gilt: Einige Protagonisten sind schon länger dabei und können fast überall eingesetzt werden. Andere fristen ihr Dasein auf der Ersatzbank und kommen lediglich ab und an auf das Spielfeld.
Um auf der großen Bühne erfolgreich zu sein, braucht es die beste europäische Aufstellung, den Zug zum Tor und ein gehöriges Quäntchen Kreativität, damit man sich auch gegen jene durchsetzt, die sich mitunter nicht an die internationalen Spielregeln halten wollen. Wie könnte das nächste Team Europa aussehen, das ausgewogen zusammengesetzt ist und Durchschlagskraft besitzt? Wer könnte die Schlüsselpositionen einnehmen?
Der Europäische Ratspräsident, Sozialdemokrat und De-facto-Mannschaftskapitän António Costa, dessen Amtszeit Mitte 2027 ausläuft, steht zur Verlängerung an. Passend, dass auch Roberta Metsola, die konservative EU-Parlamentspräsidentin und junge Veteranin im zentralen Mittelfeld, ab Anfang 2027 für einen dritten Einsatz nominiert werden könnte. Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, als EU-Mittelstürmerin von der Europäischen Volkspartei aufgestellt, sowie die liberale EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die quasi als Torhüterin für die Stabilität des Euros sorgt, kommen aus Deutschland bzw. Frankreich, jenen Ländern, denen der stärkste Einfluss auf die europäische Startelf nachgesagt wird.
Der Vertrag von Lagarde endet ebenfalls bald, während von der Leyen noch bis Ende 2029 für Europa laufen sollte. Gleichzeitig neigt sich für einen der zentralen Spielmacher, den liberalen Emmanuel Macron, die zweite und letzte Amtszeit als französischer Staatspräsident dem Ende zu. Gerade wenn nun in Frankreich ein neuer Nationalismus am Horizont droht, könnte er die Position wechseln und auf europäischer Ebene die Präsidentschaft der EU-Kommission anstreben. Dafür müsste aber das vordere Mittelfeld gehörig umgekrempelt werden und von der Leyen sich für die deutsche Bundespräsidentschaft – die wiederum Anfang 2027 erneuert wird – interessieren.
Spielen für 450 Mio. Europäer
Und was hätte Berlin von dieser Rochade? Es könnte im Gegenzug erstmals den Präsidenten der Europäischen Zentralbank stellen. Der aktuelle Bundesbankpräsident Joachim Nagel, praktischerweise Sozialdemokrat, könnte übernehmen. Nach dieser Logik müsste die liberale Flügelstürmerin und EU-Außenbeauftragte, Kaja Kallas, um ihr Leiberl bangen. Denn auch eine europäische Neubesetzung basiert auf parteipolitischer Parität.
Wie realistisch solche taktischen Wechsel sind, wird sich zeigen. Bei allem Gerangel sollte jedenfalls eines nicht vergessen werden: Die Beteiligten spielen nicht gegeneinander, sondern im selben Team und letztlich für 450 Millionen Europäerinnen und Europäer.
Gastkommentar in Die Presse von Paul Schmidt am 15. Juni 2026
