Island stimmt diesen August über den EU-Beitritt ab. Das kleine Montenegro könnte im Windschatten mitsegeln.
Der Slogan ist gut: „28 bis 2028“. Schon in zwei Jahren möchte Montenegro das 28. Mitglied der EU werden. Nach Jahren der Erweiterungsflaute kommt der Adriastaat, der seit mehr als 15 Jahren als offizieller Beitrittskandidat sein Dasein fristet, dem Ziel, in die EU aufgenommen zu werden, zum Greifen nahe. 14 von 35 Verhandlungskapiteln sind bereits abgeschlossen, Montenegro ist den anderen Kandidatenländern meilenweit voraus. Knapp 80 Prozent der Montenegriner unterstützen auch den EU-Beitritt ihres Landes, das insgesamt weniger Einwohner hat als die Wiener Bezirke Floridsdorf, Donaustadt und Favoriten zusammen. Sogar den Euro hat Montenegro bereits eingeführt – wenn auch unilateral und ohne geldpolitische Mitsprachemöglichkeit.
Eigentlich gute Voraussetzungen, selbst wenn, um die Verhandlungen heuer abschließen zu können, noch harte Brocken wie Rechtsstaatlichkeit oder Umweltgesetzgebung bewältigt werden müssen. Wäre da nicht das Imageproblem der nächsten EU-Erweiterung in Richtung Westbalkan, Ukraine und Moldau. Denn diese ist in etlichen EU-Hauptstädten weder populär noch prioritär. Die Aufnahme des kleinen Montenegros sollte kein Problem sein, würde man meinen, und doch geht es bei diesem Schritt auch darum, die Rahmenbedingungen für die nächsten, größeren Erweiterungsrunden festzulegen, mit all jenen Fragen – von der Entscheidungsfindung innerhalb der EU bis zum gemeinsamen Budget –, für deren nachhaltige Beantwortung politischer Wille und strategischer Weitblick nur spärlich vorhanden scheinen.
Abhilfe könnte ausgerechnet ein Land schaffen, dessen Ambitionen auf eine EU-Mitgliedschaft bis vor Kurzem noch auf Eis lagen. Am 29. August stimmen die Isländer darüber ab, ob die 2013 abgebrochenen Beitrittsverhandlungen wieder aufgenommen werden. War während der Finanzkrise die Sorge um die isländische Krone das Hauptmotiv für eine Annäherung an die Union, gründet sich das neu erwachte Europa-Interesse Reykjavíks heute vor allem auf sicherheitspolitische Ängste vor dem Hintergrund geopolitischer Großmachtinteressen. Dazu kommen auch noch wirtschaftliche Aspekte: Island ist zwar Teil von Schengen und nimmt, als Mitglied des Europäischen Wirtschaftsraums, am Binnenmarkt teil, Mitspracherecht hat es jedoch keines.
Österreicher für Island
Ein EU-Beitritt der Insel, bevölkerungsmäßig wäre sie das kleinste Mitglied, wirtschaftlich gesehen jedoch eines der wohlhabendsten EU-Länder, würde wohl auf wenig Widerstand stoßen und könnte der Erweiterung positiven Schwung verleihen. Auch in Österreich würde eine Mehrheit den isländischen EU-Beitritt unterstützen, nur acht Prozent wären explizit dagegen. Von solchen Zustimmungswerten kann Montenegro nur träumen. 2024 waren gerade 20 Prozent für, 40 Prozent gegen seine Mitgliedschaft. Aber mit Island – quasi im Tandem – könnte es gelingen, die Ziellinie zur EU-Vollmitgliedschaft im Endspurt zu überqueren.
Bis es so weit ist, wird die Fischerei für ein isländisches Verhandlungsteam wieder den großen Knackpunkt darstellen. Und auch die Zustimmung der Bevölkerung ist noch nicht klar: So würde zwar eine knappe Mehrheit der Isländer aktuell eine Wiederaufnahme der Beitrittsgespräche begrüßen, die Gegner einer EU-Mitgliedschaft liegen zurzeit vorne. Immerhin: Island war das erste Land, das Montenegro vor 20 Jahren als eigenständigen Staat anerkannt hat. Vielleicht liegt gerade darin ein gutes Omen.
die Presse-Gastkommentar von Paul Schmidt vom 22. April 2026.
