Das den Europagedanken stärkende Potenzial des EU-Austauschprogramms für junge Menschen, Lehrende und Beamte ist lange nicht ausgeschöpft. Eine Idee aus Österreich kommt da gerade recht.
Die Ankündigungen von Bildungsminister Christoph Wiederkehr, die österreichischen Schullehrpläne reformieren zu wollen, lässt die Wogen hochgehen und eine alte Debatte wieder neu entflammen. Dabei sprach schon der römische Philosoph Seneca aus, was sich heute so manche denken: Lernen wir in der Schule wirklich für das, richtige, Leben? Es ist eine Frage, die sich immer dringlicher stellt angesichts einer rasant verändernden Welt, in welcher Demokratie, und politische Bildung, der Umgang mit Künstlicher Intelligenz und das kritische Bewerten von Informationen einen größeren Stellenwert im Unterricht einnehmen sollten, auf nationaler, wie auch auf europäischer Ebene.
Union viel besser als ihr Ruf
Denn die liberale Demokratie ist global auf dem Rückzug. In einer digitalisierten Welt, in der Machtpolitik, Protektionismus und Nationalismus an Bedeutung gewinnen, geraten offene Gesellschaften, freie Wahlen und objektive Informationslandschaften zunehmend unter Druck. Auch die Europäische Union, deren Gesellschafts- und Sozialmodell auf Gerechtigkeit und Solidarität, der Stärke des Rechts und Meinungsfreiheit beruht, sieht sich gefordert, ihre Werte, Grundsätze und integrationspolitischen Errungenschaften zu erklären und ihr Zukunftsversprechen, gerade gegenüber der jüngeren Generation, zu erneuern.
Dabei ist die Union besser als ihr Ruf und kann auf einiges verweisen: Wohlstand, Frieden und Sicherheit, den Binnenmarkt und die vier Grundfreiheiten, eine gemeinsame Währung, den größten Handelsraum für Waren und Dienstleistungen, getragen von Rechtsstaatlichkeit, dem Schutz der Menschenrechte und dem Prinzip der Nichtdiskriminierung. Das alles sind Stärken, die die EU international hervorhebt, die zuhause jedoch oftmals zu wenig geschätzt werden. Manche dieser Fortschritte mögen aktuell auf tönernen Füßen stehen, andere werden mittlerweile als allzu selbstverständlich betrachtet. Umso wichtiger also, die Vorzüge der europäischen Integration regelmäßig vor den Vorhang zu holen und das Vertrauen in die europäische Politik zu festigen.
Mit dem von der EU-Kommission vorgeschlagenen Schutzschild für die Demokratie und der Strategie für die Zivilgesellschaft hat die EU jedenfalls zwei große Initiativen vorgelegt, die den Wert der Demokratie, die Vorteile länderübergreifender Zusammenarbeit und die Bedeutung nichtstaatlicher Akteure ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit rücken sollen.
Diese Vorhaben müssen aber auch mit Leben gefüllt werden, durch praxis- und bürgernahe Projekte, die den Mehrwert „Europas“ nachhaltig widerspiegeln, grenzüberschreitende Chancen eröffnen und die Bedeutung der europäischen Integration für jede und jeden konkret erfahrbar machen. Ein weiterer Ausbau des EU-Austauschprogramms Erasmus+ wäre ein Baustein, der dabei behilflich sein könnte.
„Selbst das Vereinigte Königreich wagt den Exit vom Brexit und ist ab 2027 wieder bei Erasmus+ dabei.“ – Paul Schmidt
Erasmus+ ist eines der erfolgreichsten Projekte europäischer Zusammenarbeit. Seit fast vier Jahrzehnten ermöglicht das EU-Programm jungen Menschen, Lehrenden und Beamten Aufenthalte im Ausland, und stärkt damit gegenseitiges Verständnis, interkulturelle Kompetenzen ebenso wie berufliche Weiterentwicklung. Seither haben über 16,7 Millionen Menschen von Erasmus+ profitiert, Tendenz steigend. Die Mittel zu einem weiteren Ausbau sollen folglich deutlich erhöht werden: Rund 40,8 Milliarden Euro will die EU-Kommission im Zeitraum 2027 bis 2034 aus dem EU-Haushalt dafür lockermachen. Selbst das Vereinigte Königreich wagt in dieser Hinsicht den Exit vom Brexit und ist ab dem kommenden Jahr wieder bei Erasmus+ dabei.
„Back to School“, Initiative aus Österreich
Das Potenzial von Erasmus+ ist jedoch noch lange nicht ausgeschöpft. Wie seine Bekanntheit weiter erhöht werden könnte, zeigt etwa das österreichische Projekt „Erasmus Back to School“: Seit 2011 haben heimische Studierende die Möglichkeit, ihre Auslandserfahrungen direkt weiterzugeben. Dies geschieht durch Besuche an ihren ehemaligen Schulen oder anderen interessierten Bildungseinrichtungen. Ziel ist es, möglichst viele junge Menschen für eine Teilnahme an Erasmus+ zu begeistern und somit den Wert und Nutzen multinationalen Austauschs in den Vordergrund zu rücken. Über 700 Studierende haben bis jetzt an dieser Initiative teilgenommen und dabei rund 20.000 Schülerinnen und Schüler erreicht.
Die österreichische Idee ist noch ordentlich ausbaufähig und könnte auch in anderen EU-Mitgliedstaaten Schule machen. Allein die über 400.000 europaweiten Studierendenmobilitäten im Jahr verdeutlichen das enorme Potenzial, das eine Ausweitung von „Erasmus Back to School“ auf alle Erasmus+, Programmländer mit sich bringen würde. Tausende großartige Geschichten warten darauf, erzählt zu werden. Warum also nicht einen Schulbesuch als zusätzliche Voraussetzung für ein Erasmus+, Stipendium einplanen? Allein dadurch könnten jährlich bis zu zehn Millionen junge Menschen direkt erreicht und von persönlichen Erlebnissen begeistert werden. Ganz im Sinne des Namensgebers des Programms, Erasmus von Rotterdam, wäre eine solche europaweite Initiative ein unschätzbarer Beitrag zur Stärkung des europäischen Bewusstseins, der Toleranz gegenüber anderen, der Welterfahrung und des kritischen Denkens.
Die Furche-Gastkommentar von Paul Schmidt vom 12. März 2026.
