Die digitale Version des Euro ließe sich rasch auch in den EU-Ländern, die nicht den Euro als Währung haben, und den Beitrittsländern implementieren. Gleichzeitig würde sie die Abhängigkeit von US-Firmen reduzieren.
Seit seiner Einführung als Bargeld vor fast 25 Jahren hat sich der Euro zu einem europäischen Identifikationssymbol entwickelt. Heute bezahlen knapp 360 Millionen Menschen in 21 EU-Mitgliedsländern mit der Gemeinschaftswährung. In Monaco, Andorra, San Marino und dem Vatikan ist der Euro ebenso Zahlungsmittel, im Kosovo und Montenegro wurde er einseitig eingeführt und erst kürzlich hat auch Ungarns neuer Premier Péter Magyar angekündigt, den Umstieg auf den Euro prüfen zu wollen.
„Die Akzeptanz des Euro geht weit über die Euro-Staaten beziehungsweise die Europäische Union hinaus.“
Gerade für Krisenzeiten gilt: Je instabiler die Welt, desto wertvoller eine stabile Währung, die zu mehr Unabhängigkeit und Resilienz beiträgt. Die Akzeptanz des Euro geht daher auch weit über die Euro-Staaten beziehungsweise die Europäische Union hinaus. In zahlreichen Ländern Mittel-, Ost- und Südosteuropas genießt der Euro gleichermaßen hohes Vertrauen – oft höher als die jeweilige Landeswährung – und wird vielfach als Spar- und Wertaufbewahrungsmittel genutzt. Auch für potenzielle neue Erweiterungsschritte ist dies alles andere als unbedeutend. Denn um sich für die Aufnahme in die EU zu qualifizieren, müssen die Kandidatenländer nicht nur nachweisen, dass sie in der Lage sind, die Regeln der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion zu erfüllen. Sie sind zudem dazu verpflichtet, die gemeinsame, europäische Währung zu einem späteren Zeitpunkt als EU-Mitglieder auch einzuführen.
Lücke schließen
Allerdings ist die Zahlungswelt heute eine gänzlich andere als noch vor 25 Jahren. Der Trend zu immer mehr digitalen und bargeldlosen Zahlungen – mittlerweile werden zwei Drittel davon in der EU über internationale Kartenzahlungssysteme abgewickelt – führt zu massiven Abhängigkeiten von nicht-europäischen Zahlungsdienstleistern, enormen Gewinnabflüssen, mangelhaftem Datenschutz und auch zu reduzierter Symbolkraft des Euro. Der digitale Euro soll diese Lücken – ab 2029 – schließen. Als Ergänzung zum Bargeld soll er – geht es nach den Plänen der Europäischen Zentralbank – eine sichere, kostenfreie und europaweit einheitliche Zahlungsmethode gewährleisten sowie auch ein die Privatsphäre schützendes Offline-Bezahlen ermöglichen.
Digitales Zentralbankgeld ist übrigens keine exklusive, neue Idee. Weltweit arbeiten, berichtet der Atlantic Council, rund 146 Staaten an der Einführung eines solchen Bargeldäquivalents. Dem europäischen Handel, nicht zuletzt den Einzel- und Kleinunternehmen, könnte die geplante Zahlungsalternative durch eine starke Reduktion der Kartengebühren jedenfalls eine massive Kostenersparnis bringen.
Schleppender Erweiterungsprozess
Werden EU-Kandidatenländer tatsächlich einige Integrationsschritte bereits vor ihrem offiziellen Beitritt vorwegnehmen können, um Tempo in den schleppenden Erweiterungsprozess der EU zu bringen, könnte der digitale Euro eine spannende Rolle dabei spielen: Mit seiner Einführung bietet sich auch die Chance, EU-Mitglieder wie Kandidatenländer rascher zusammenzuführen, die Ausweitung der Eurozone digital zu antizipieren und damit zur Beschleunigung und Vertiefung der europäischen Integration beizutragen.
So ist in den Ländern des Westbalkan, in denen der Euro physisch jetzt schon sehr präsent ist, die Dominanz internationaler Kreditkarten teilweise sogar noch ausgeprägter als in der EU. Mit der Argumentation sicherer und – endlich – kostenfreier Überweisungen könnte der digitale Euro in der Region punkten. Immerhin leben in der EU Millionen Menschen mit Wurzeln in den EU-Kandidatenländern, deren private Rücküberweisungen eine relevante Stütze für ihre Familien zu Hause bilden und einen beträchtlichen Anteil an der Wirtschaftsleistung einzelner Länder ausmachen. Im Kosovo 2024 beispielsweise über 17 Prozent des BIP. Insgesamt flossen im selben Jahr 52,1 Milliarden Euro an Rücküberweisungen aus der EU.
Öffentlicher Druck
Die Perspektiven des digitalen Euros wären schließlich auch für Menschen aus jenen EU-Ländern attraktiv, die den Euro noch nicht als Währung eingeführt haben, und könnten – allein aus praktischen Erwägungen – zur weiteren Etablierung der Gemeinschaftswährung beitragen. Denn obwohl die Nutzung des neuen Zahlungsmittels in einer ersten Phase für den Euro-Raum selbst vorgesehen ist, wird der öffentliche Druck, dieses auch in Nicht-Euro-Ländern zu verwenden, durchaus beträchtlich sein.
Noch ist der digitale Euro – auch in Ländern wie Österreich und Spanien – für viele schwer einzuschätzen und vor allem den Kritikern ein Begriff. Ihn schon jetzt zum großen Game-Changer der europäischen Integration hochzustilisieren, wäre daher auch verfrüht und möglicherweise zu viel des Guten. Doch hat er, angesichts der zunehmenden Bedeutung des digitalen Zahlungsverkehrs sowie seines praktischen Nutzens, durchaus das Potenzial, die identitätsstiftende Wirkung der Gemeinschaftswährung in neue Dimensionen zu lenken und beizutragen, der europäischen Integration zusätzlichen Schwung zu verleihen.
Bis es so weit ist, muss die digitale Version des Euros allerdings noch den Praxistest bestehen und vor allem so konzipiert sein, dass er für jede und jeden im Alltag mit dem selbstverständlichen Griff zum Smartphone oder zur Karte problemlos verwendet werden kann. (Paul Schmidt, Miguel Otero-Iglesias, 23.6.2026)
