Von Rita Helena Phillips
Handlungsempfehlungen
- Politische Bildung und Wissensvermittlung stärken: Es bestehen erhebliche gesellschaftliche Wissenslücken in Bezug auf die österreichische Neutralität. Politische Bildung sollte daher stärker sicherheitspolitische Grundbegriffe, Formen internationaler Kooperation sowie die gegenwärtige Ausgestaltung und Interpretation von Neutralität vermitteln.
- Öffentliche Debatten faktenbasierter gestalten: Die hohe symbolische Aufladung der Neutralität erschwert differenzierte gesellschaftliche Debatten. Politische Kommunikation sollte daher stärker zwischen rechtlichen Grundlagen, politischen Interpretationen und normativen Zuschreibungen unterscheiden, um vereinfachte oder emotionalisierte Darstellungen zu reduzieren.
- Neutralität im europäischen Sicherheitskontext präzisieren: Vor dem Hintergrund veränderter geopolitischer Rahmenbedingungen bedarf es einer transparenteren Positionierung der österreichischen Neutralität im Verhältnis zu europäischen Sicherheitsstrukturen. Dies erfordert klare Kommunikation über Handlungsspielräume, Grenzen und sicherheitspolitische Zielsetzungen.
Policy-Kernbotschaft
Gesellschaftliches Wissen stärken.
Öffentliche Debatten versachlichen.
Neutralität strategisch im EU-Kontext positionieren.
Zusammenfassung
Während die österreichische Neutralität langfristige, gesamtgesellschaftliche Zustimmung erfährt, beruht ihre Akzeptanz vielfach auf unterschiedlichen oder nur wenig elaborierten Verständnissen. Die Diskrepanz zwischen symbolisch-affektiver Bedeutung und inhaltlicher Unschärfe erschwert faktenbasierte Debatten und begünstigt selektive politische Instrumentalisierungen der Neutralität. Vor dem Hintergrund veränderter geopolitischer Sicherheitsstrukturen erfordert eine zukunftsfähige Interpretation der Neutralität nicht nur eine rechtliche Absicherung, sondern ebenso eine vertiefte gesellschaftliche Reflexion, eine klare politische Kommunikation sowie eine transparente Einbettung in den europäischen Sicherheitskontext.
1. Einleitung
Die österreichische Neutralität repräsentiert seit ihrer verfassungsrechtlichen Verankerung im Jahre 1955 ein konstitutives Element der außen- und sicherheitspolitischen Identität Österreichs sowie einen relevanten Aspekt des gesellschaftlichen Selbstverständnisses (Bischof & Karlhofer, 2013; Schwarz & Urosevic, 2023). Neben ihrem rechtlichen Status fungiert sie somit als identitätsformendes Narrativ gesellschaftlicher Selbstverortung im internationalen Kontext, welches gleichermaßen politische und öffentliche Diskurse prägt (Bischof, Pelinka & Wodak, 2018; Statista, 2022, 2023a, 2023b, 2024). Neutralität als Verflechtung abstrakt-rechtlicher Konzepte, als außenpolitisch auslegbares Instrument sowie als sozial konstituiertes Bedeutungsfeld wird maßgeblich durch Veränderungen in der europäischen Sicherheitsarchitektur beeinflusst. Dies äußert sich besonders durch den russischen Angriffskrieg und den daraus resultierenden sicherheitspolitischen Neuausrichtungen traditionell blockfreier Staaten wie Finnland und Schweden. Dadurch wird die normative Grundlage und praktische Ausgestaltung der österreichischen Neutralität verstärkt infrage gestellt (Forsberg, 2023; Schwarz & Urosevic, 2023; Greminger & Rickli, 2023). In diesem Kontext wird deutlich, dass die politische Tragfähigkeit der österreichischen Neutralität nicht ausschließlich durch deren völkerrechtliche Definition geprägt wird, sondern wesentlich davon abhängt, wie diese gesellschaftlich interpretiert und legitimiert wird.
Dieser Policy Brief analysiert Neutralität aus der Perspektive gesellschaftlicher Wahrnehmung. Anhand repräsentativer Studien wird aufgezeigt, dass unterschiedliche Interpretationen systematisch mit politischem Wissen, ideologischen Orientierungen und identitätsbezogenen Faktoren zusammenhängen. Zudem wird dargestellt, wie Neutralität in Österreich als kulturelle Selbstverständlichkeit (siehe Lévy-Bruhl, 1910/1985; Arendt, 1958; Bhabha, 1994; Jovchelovitch, 2001) konzeptualisiert werden kann, welche hohe gesellschaftliche Zustimmung erfährt, jedoch individuell selten reflektiert wird. Diese weitgehend unreflektierte Akzeptanz kann die symbolisch-ideologische Aufladung des Begriffs Neutralität erklären, welche konkrete Bedeutungsrealitäten oftmals überlagert. Ziel ist es, daraus resultierende Spannungsfelder sichtbar zu machen und Implikationen für politische Kommunikation und Entscheidungsprozesse abzuleiten.
2. Das Problem der österreichischen Neutralität: Zwischen Deutungsoffenheit und Interpretationsspielräumen
Ein zentrales Problem der österreichischen Neutralität liegt in ihrer inhärenten Deutungsoffenheit. Während sie formalrechtlich eindeutig definiert ist, insbesondere in Bezug auf den Ausschluss militärischer Bündnisse und der Stationierung fremder Truppen (Bundeskanzleramt Österreich, 1955), erlaubt die Formulierung politische Interpretationsmöglichkeiten in der praktischen Ausgestaltung. Beispielsweise wurde Österreichs Neutralität bereits während des Kalten Krieges proaktiv anstatt isolativ ausgelegt, wodurch Diplomatie und multilaterale Kooperation im Fokus österreichischer Außenpolitik standen. Auch Österreichs Beitritt zur Europäischen Union (EU), die Beteiligung an Missionen im Rahmen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und an internationalen United Nations (UN) Friedensmissionen, sowie die Adoption von EU-Sanktionen gegen Russland spiegeln ihre Flexibilität und interpretative Anpassungsfähigkeit an unterschiedliche geopolitische Konstellationen und Herausforderungen wider (Gärtner, 2015; Greminger & Rickli, 2023; Schwarz & Urosevic, 2023).
Ein zentrales Problem der österreichischen Neutralität liegt in ihrer inhärenten Deutungsoffenheit.
Diese Beispiele der Deutungsoffenheit zeigen zentrale Probleme der österreichischen Neutralität auf, welche symbolisch-ideologischen gesellschaftlichen Debatten zugrunde liegen. Die Mehrdimensionalität der österreichischen Neutralität als rechtliche Norm, politische Strategie und identitätsstiftendes Symbol führt dazu, dass Akteur:innen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene unterschiedliche Aspekte der Neutralität betonen und daraus divergierende Schlussfolgerungen ziehen. Nationale Traumata, affektive Darstellungen sowie die durch die Themenfelder Krieg, menschliches Leid, zivile Opfer und Zerstörung evozierten Emotionalitäten tragen zusätzlich zur affektiven Intensivierung der gesellschaftlichen Debatte bei. Beispiele hierfür sind Parteikampagnen und politische Stellungnahmen, welche aufzeigen, dass zwar sämtliche österreichische Parteien Neutralität befürworten, diese jedoch unterschiedlich auslegen und zugleich politischen Konkurrent:innen unterstellen, Neutralität zu unterminieren oder normativ fehlzudeuten. Dies wird in Abbildungen 1 bis 6 exemplarisch illustriert. Das daraus resultierende Spannungsfeld zwischen kollektiver Unterstützung der Neutralität und divergierenden Interpretationen ihrer Bedeutungsinhalte spiegelt sich auch in gesamtgesellschaftlichen Wahrnehmungstendenzen der österreichischen Bevölkerung wider.
Abbildung 1

Abbildung 2

Abbildung 3

Abbildung 4

Abbildung 5

Abbildung 6

3. (Un)Wissen in gesellschaftlichen Perzeptionen der österreichischen Neutralität
Die Ergebnisse zeigen, dass das gesellschaftliche Verständnis von Neutralität kein monolithisches Konzept darstellt, sondern sich in vier differenzierte Deutungsmuster aufspaltet.
National repräsentative Umfragen zeigen, dass die österreichische Neutralität mehrheitlich als identitätsstiftend und sicherheitsgarantierend wahrgenommen wird und äußerst hohe Zustimmung erfährt (Statista, 2022, 2023a, 2023b). Zugleich erlauben die Verwendung geschlossener Fragenformate in diesen Umfragen keine Rekonstruktion der zugrundeliegenden Bedeutungszuschreibungen. Dieser Limitation widmen sich neue empirische Studien, welche Deutungsmuster sowie deren sozio-politischen und identitätsbezogenen Determinanten untersuchen (Phillips, Prinz & Straub, 2026). Die Ergebnisse zeigen, dass das gesellschaftliche Verständnis von Neutralität kein monolithisches Konzept darstellt, sondern sich in vier differenzierte Deutungsmuster aufspaltet.
- Definitionsgruppe „Militärische Nichtbeteiligung“: Mit 36.8 % der Proband:innen (N = 516) definiert die größte Gruppe Neutralität im Sinne einer militärischen Nichtbeteiligung, welche sich auf ein Verbot militärischer Allianzen und aktiver Kriegsbeteiligung fokussiert. Diese Definition entspricht am ehesten dem völkerrechtlichen Verständnis und einer kontemporären politischen Interpretation der österreichischen Neutralität.
- Definitionsgruppe „Unwissenheit“: Eine nahezu gleich große Gruppe an Proband:innen (33.4 %, N = 467) gibt an nicht zu wissen, wie Neutralität zu definieren ist. Diese Befunde sind analytisch zentral, da sie erhebliche Wissenslücken und geringe kognitive Elaboration der Gesamtbevölkerung in Bezug auf die österreichische Neutralität aufzeigen.
- Definitionsgruppe „Diplomatische Allparteilichkeit“: Eine kleinere Gruppe von 17 % (N = 238) der Proband:innen definiert Neutralität als diplomatische Allparteilichkeit, welche sich durch politische Neutralität und aktive Vermittlungsversuche zwischen Konfliktparteien auszeichnet. Während dieses Neutralitätsverständnis insbesondere Österreichs historische Neutralitätspraxis reflektiert, greift eine Reduktion auf Allparteilichkeit als alleiniges und universelles Definitionsmerkmal zu kurz, da sie weder der gegenwärtigen Interpretation noch der kontemporären politischen Handlungspraxis entspricht (z. B. aktuelle öffentliche und politische Debatten über Überflugrechte der Vereinigten Staaten im Kontext internationaler Militäroperationen, die neutralitätspolitisch kontrovers diskutiert werden).
- Definitionsgruppe „Kritische Perspektiven“: Die kleinste Gruppe mit insgesamt 12.8 % (N = 179) der Proband:innen artikuliert kritische Positionen, welche durch eine Diskrepanzwahrnehmung zwischen dem normativen Anspruch an die Neutralität und ihrer politischen Auslegung und kontemporären Praxis gekennzeichnet ist. Diese Gruppe verweist auf eine latente Erosion der Glaubwürdigkeit im öffentlichen Diskurs.
Weiters zeigen inferenzstatistische Analysen, dass ein erheblicher Teil der Varianz in Neutralitätsdefinitionen durch (1) soziodemographische und attitudinale Variablen, (2) ideologische Selbstverortung sowie (3) Identitätsdimensionen erklärt werden kann.
- Soziodemographische und attitudinale Variablen: Proband:innen mit höherem Bildungsniveau weisen eine geringere Wahrscheinlichkeit auf Neutralität nicht definieren zu können und tendieren stärker zu differenzierten Deutungen. Weiters zeigen regionale Disparitäten Unterschiede in den Neutralitätsdefinitionen. Proband:innen in ruralen Regionen (z. B. Kärnten, Tirol) weisen eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Neutralität nicht definieren zu können, während Proband:innen aus urbanen Regionen (z. B. Wien) differenzierte und inhaltlich elaboriertere Neutralitätsverständnisse äußern.
- Ideologische Selbstverortung: Die Analysen zeigen, dass politische Einstellungen, Einstellungen zur EU und zum österreichischen Bundesheer deutlich mit unterschiedlichen Neutralitätsverständnissen korrelieren. So sind beispielsweise rechtsgerichtete Proband:innen eher in Definitionen der nicht-interventionistischen Neutralitätsverständnisse verortet („Unwissenheit“, „Diplomatische Allparteilichkeit“, „Kritische Perspektiven“), während kosmopolitisch-europäisch orientierte Proband:innen signifikant häufiger Neutralität als aktive, multilaterale und außenpolitisch-eingebettete Strategie interpretieren.
- Identitätsdimensionen: Auch nationale und europäische Identifikationsvariablen tragen zur Erklärung des Neutralitätsverständnisses bei. Stärker national orientierte Identitäten stehen tendenziell im Zusammenhang mit kritischen und unwissenden Neutralitätsdefinitionen, während eine stärker europäische Identifikation im Zusammenhang mit kooperativen diplomatischen und militärischen Neutralitätsdefinitionen steht.
In einer weiteren national repräsentativen Studie wurden offene Antwortformate genutzt, um antizipierte Vor- und Nachteile der österreichischen Neutralität differenziert zu erfassen (Phillips, Prinz & Straub, under review). Tabelle 1 stellt die deskriptiven Resultate dar, welche aufzeigen, dass Neutralität zwar stark positiv konnotiert ist, diese Zuschreibung jedoch zumeist auf vereinfachten oder symbolisch aufgeladenen Konzepten basiert. Die Vorteile ergeben sich maßgeblich aus (1) Sicherheits- und Friedenszuschreibungen (43 % assoziierter Vorteile) und (2) politischer Autonomie und diplomatischer Handlungsfreiheit (14.2 % assozierter Vorteile). Ein erheblicher Anteil der Proband:innen konnte jedoch keine konkreten Vorteile benennen (32.5 %) oder gab nicht-aussagekräftige Vorteile bzw. Buchstabenkombinationen an (10.3 %). Diese Befunde sind konsistent mit der zuvor identifizierten Gruppe der „Unwissenheit“ und deuten demnach auf eine geringe kognitive Durchdringung des Konzeptes der Neutralität hin.
Tabelle 1. Antizipierte Vorteile (nach Phillips et al., under review)

Ähnliche Tendenzen sind in antizipierten Nachteilen zu erkennen (siehe Tabelle 2). Während ein Teil der Proband:innen (1) fehlende Einbindungen in militärische Bündnisse (22.2 % assoziierter Nachteile), (2) geringe internationale Einflussmöglichkeit (3.5 % assoziierter Nachteile) und unzureichende Investitionen in die Landesverteidigung (3.2 %) als Nachteile wahrnehmen, konnte die Mehrheit (62.2 %) der Proband:innen keine Nachteile oder unzureichend spezifizierte Nachteile (8.9 %) benennen. Die Asymmetrie zwischen hoher Zustimmung zur Neutralität und geringer Problematisierung möglicher Nachteile kann als selektive Wahrnehmung gedeutet werden, in der positive Narrative dominieren und kritische Reflexionen marginalisiert werden.
Tabelle 2. Antizipierte Nachteile (Phillips et al., under review)

Weiterführende nachfolgende Clusteranalysen mit antizipierten Vorteilen und Nachteilen ermöglichen eine differenzierte Typologisierung. Hierdurch wurden drei zentrale Gruppen identifiziert (siehe Tabelle 3).
- Sicherheitsorientierte Pragmatiker:innen (46.8 %): Diese Gruppe reflektiert Neutralität bezüglich ihrer Vorteile, weiß jedoch auch um Risiken Bescheid und nimmt sicherheitspolitische Abwägungen vor. Neutralität wird demnach pragmatisch unterstützt. In dieser Gruppe befinden sich überproportional höher gebildete Personen, die eher in urbanen Räumen leben, männlich sind, höhere Zustimmung zur EU-Militärhilfe verzeichnen und der österreichischen Neutralität mittlere bis hohe Wichtigkeit zuteilen.
- Nicht-involvierte Zuschauer:innen (30 %): Diese Gruppe zeichnet sich durch niedrige Involvierung aus, die weder Vorteile noch Nachteile der Neutralität benennen konnten. Neutralität wird daher passiv unterstützt. In dieser Gruppe sind überproportional weibliche Personen mit geringerer Bildung und rechtsgerichteter politischer Positionierung vertreten. Zwar wird Neutralität als sehr wichtig erachtet, jedoch gibt es geringere Befürwortung für EU-Militärhilfen.
- Militärisch-neutrale Optimist:innen (23.2 %): Diese Gruppe idealisiert Neutralität und blendet potenzielle Nachteile aus. Neutralität wird daher ideologisch unterstützt. In dieser Gruppe sind überproportional weibliche Personen vertreten, für die Neutralität eine hohe Wichtigkeit hat und die militärische Hilfe für EU-Staaten ablehnen.
Tabelle 3. Typologisierung der Vorteile und Nachteile durch Clusteranalyse (nach Phillips et al., under review)

Die heterogenen und vielfach fragmentierten Bedeutungsverständnisse sowie die clusteranalytisch rekonstruierten Typologien zeigen demnach auf, dass Neutralität gesellschaftlich als ein vielschichtiges, teilweise widersprüchliches Bedeutungsensemble konstruiert wird, auf welches normative sowie identitätsbezogene Zuschreibungen einwirken. Im Vergleich zur Schweiz, in der Neutralität stärker institutionell verankert und historisch konsolidiert ist, weist der österreichische Neutralitätsdiskurs eine höhere politische und interpretative Variabilität auf. Insbesondere die Dominanz von Unwissenheit in Bezug auf Definitionen sowie in antizipierten Vor- und Nachteilen ist problematisch, da diese andeuten, dass Neutralität als kulturell verankertes Deutungsnarrativ anstelle einer reflektierten außenpolitischen Strategie fungiert. Neutralität als weitgehend unhinterfragtes Orientierungswissen resoniert somit mit theoretischen Konzepten kultureller Selbstverständlichkeiten (Lévy-Bruhl, 1910/1985; Arendt, 1958; Bhabha, 1994; Jovchelovitch, 2001).
Im Vergleich zur Schweiz, in der Neutralität stärker institutionell verankert und historisch konsolidiert ist, weist der österreichische Neutralitätsdiskurs eine höhere politische und interpretative Variabilität auf.
Gerade diese Kombination aus hoher gesellschaftlicher Zustimmung, symbolischer Aufladung und geringer inhaltlicher Elaboration erzeugt konkrete Herausforderungen für politische Kommunikation und sicherheitspolitische Entscheidungsprozesse.
4. Implikationen
Die vorliegenden Befunde zeigen zentrale Implikationen für Politik und öffentliche Kommunikation auf.
- Eine Kombination aus hoher Zustimmung und geringer kognitiver Durchdringung des Begriffs Neutralität kann zu strukturellen Anfälligkeiten für politische Instrumentalisierungen führen. Durch die inhärente Deutungs- und Interpretationsoffenheit können selektive Bedeutungsinhalte hervorgehoben werden, ohne dabei notwendigerweise inhaltliche Widersprüche aufzulösen. Dieses Phänomen resoniert mit theoretischen Ansätzen zur strategisch-politischen Kommunikation und Framing, welche aufzeigen, dass mehrdeutige Konzepte anfällig für diskursive Aneignung sind und zur Legitimation divergierender Positionen situativ umgedeutet werden können (Entman, 1993; Snow & Benford, 1988; Wodak, 2015).
- Die geringe kognitive Durchdringung des Begriffs Neutralität erschwert evidenzbasierte öffentliche Debatten, indem der Schwerpunkt von einer rational-abwägenden auf eine symbolisch-affektive Ebene gelegt wird. Dies ist konsistent mit theoretischen Befunden zur politischen Einstellungsforschung, welche aufzeigen, dass geringere politische Informiertheit mit heuristischen und affektiven Urteilsbildungen einhergeht (Zaller, 1992; Converse, 1964; Kahneman, 2011). Unter diesen Umständen gewinnen vereinfachte Narrative und emotionalisierte Deutungen an Bedeutung, während die Fähigkeit zur differenzierten Bewertung komplexer sicherheitspolitischer Handlungsoptionen reduziert wird (Lodge & Taber, 2013).
- Strukturelle Unterschiede in Bildung, politischer Orientierung und Identitätskonstruktion spiegeln sich in unterschiedlichen Wahrnehmungen der Neutralität wider. Dies verweist auf eine Segmentierung der öffentlichen Wahrnehmung, welche auf Basis unterschiedlicher Wissensbestände, Werteorientierungen und Identitäten Lebensrealitäten konstruieren. Deutungsmuster der Neutralität könnten daher eng mit kollektiven Zugehörigkeitsstrukturen verknüpft sein. Daher empfiehlt sich sozialpsychologische, identitätsbasierte Ansätze (Bennett & Iyengar, 2008; Kriesi et al., 2012; Tajfel & Turner, 1979) in Informationskampagnen zu berücksichtigen.
Diese Implikationen verweisen auf zentrale politische Handlungsfelder, die über die Analyse hinausgehen und konkrete Maßnahmen erfordern.
5. Resümee und Ausblick
Während die österreichische Neutralität über ein hohes Maß gesamtgesellschaftlicher Zustimmung verfügt, beruht diese auf einem heterogen, wenig elaborierten Bedeutungsfundament, welches von politischen Einstellungen, Identitäten und Bildungsniveaus beeinflusst wird. Diese Konstellation öffnet Spielräume für affektiv geprägte Zuschreibungen, vereinfachte Deutungen und politische Instrumentalisierung. Für die zukünftige außen- und sicherheitspolitische Ausrichtung Österreichs impliziert dies, dass Neutralität nicht ausschließlich als rechtliche Vorgabe, sondern als gesellschaftlich kontextualisiertes Phänomen zu betrachten ist. Langfristig wird demnach Österreichs Neutralität weniger durch formale Rechtsgrundlagen als durch deren gesellschaftliche Anschlussfähigkeit bestimmt sein. Eine zentrale Herausforderung besteht darin, die Diskrepanz zwischen symbolisch-affektiven Bedeutungsmustern und praktischen sicherheitspolitischen Einbettungen zu reduzieren, um eine Grundlage für informierte gesamtgesellschaftliche Diskurse und tragfähige öffentliche Meinungsbildung zu schaffen.
Langfristig wird demnach Österreichs Neutralität weniger durch formale Rechtsgrundlagen als durch deren gesellschaftliche Anschlussfähigkeit bestimmt sein.
Eine nachhaltige Stabilisierung der österreichischen Neutralität erfordert daher nicht nur rechtliche und außenpolitische Klarheit, sondern auch gesellschaftliche Verständigungsprozesse über Bedeutung, Grenzen und sicherheitspolitische Funktionen der Neutralität.
6. Weiterführende Handlungsempfehlungen
Die folgenden Handlungsempfehlungen leiten sich aus den dargestellten Befunden und Implikationen ab und konkretisieren zentrale Ansatzpunkte für politische Bildung, öffentliche Kommunikation sowie die Einbettung der österreichischen Neutralität in den europäischen Sicherheits- und Integrationskontext.
- Konkretisierung und Spezifikation der Neutralität in Bezug auf die europäische Sicherheitspolitik: Neutralität sollte transparent in Bezug auf europäische Sicherheitsstrukturen positioniert werden. Dies erfordert eine transparente politische Kommunikation über Handlungsspielräume und Grenzen sowie eine gesamtgesellschaftliche Einbindung in diese Auslegungsprozesse, um nachhaltige und langfristige Legitimität sicherzustellen.
- Förderung politischer Bildung: Erhebliche gesellschaftliche Wissenslücken in Bezug auf Neutralität machen gezielte Bildungsmaßnahmen notwendig, um differenzierte Neutralitätsverständnisse zu fördern. Politische Bildung sollte dabei verstärkt sicherheitspolitische Grundbegriffe, internationale Kooperationen und die gegenwärtige Interpretation und Ausgestaltung von Neutralität vermitteln.
- Zielgruppenspezifische Kommunikation: Neben formaler Bildung bedarf es adressat:innenspezifischer Kommunikationsstrategien, die Informationsangebote zielgruppengerichtet zur Verfügung stellen. Dies kann zu einer Verbesserung des gesamtgesellschaftlichen Verständnisses von Neutralität beitragen und die Grundlage für informierte Meinungsbildung stärken.
- Förderung deliberativer Diskursräume: Zur Reduktion symbolisch-affektiver Debatten sollten verstärkt Formate für diskursiven Austausch geschaffen werden (beispielsweise partizipative Foren, Bürger:innendialoge). Dadurch könnten divergierende Perspektiven sichtbar gemacht werden und Dialoge evidenz- und faktenbasiert gestaltet werden.
- Präzisierung politischer Kommunikation: Politische Akteur:innen sollten in Verantwortung genommen werden, Neutralität nicht primär als affektiv-geladenes Schlagwort zu verwenden, sondern transparent und faktenbasiert zu kommunizieren. Dies erfordert insbesondere eine klare Differenzierung zwischen den rechtlichen Grundlagen der Neutralität und deren normativen Interpretationen, um Missverständnisse und strategische Umdeutungen zu vermeiden.
Referenzen
Arendt, H. (1958). The human condition. University of Chicago Press.
Bennett, W. L., & Iyengar, S. (2008). A new era of minimal effects? The changing foundations of political communication. Journal of Communication, 58(4), 707–731. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.2008.00410.x
Bhabha, H. K. (1994). The location of culture. Routledge.
Bischof, G., & Karlhofer, F. (2013). Austria’s international position after the end of the cold war. Innsbruck university press/University of New Orleans Press.
Bischof, G., Pelinka, A., Wodak, R. (2018). Neutrality in Austria. Routledge.
Bundeskanzleramt Österreich (1955). Constitutional Law on the Neutrality of Austria. https://www.ris.bka.gv.at/Dokumente/Erv/ERV_1955_211/ERV_1955_211.html
Converse, P. E. (1964). The nature of belief systems in mass publics. In D. E. Apter (Ed.), Ideology and discontent (pp. 206–261). Free Press.
Entman, R. M. (1993). Framing: Toward clarification of a fractured paradigm. Journal of Communication, 43(4), 51–58. https://doi.org/10.1111/j.1460-2466.1993.tb01304.x
Forsberg, T. (2023). Finland and Sweden’s Road to NATO. Current history, 122(842), 89-94. https://doi.org/10.1525/curh.2023.122.842.89
Greminger, T., & Rickli, J. M. (2023).Neutrality After the Russian Invasion of Ukraine. PRISM, 10(3), 26-43. https://ndupress.ndu.edu/Portals/68/Documents/prism/prism_10-3/prism_10-3_26-43_Greminger-Rickli.pdf?ver=aybjs06q-2nXr0Ymbr7u5Q%3D%3D
Jovchelovitch, S. (2001). Social representations, public life and social construction. In Representations of the social: Bridging Theoretical Traditions. Ed. K. Deaux and G. Philogene, 257-70. Oxford: Blackwell.
Kahneman, D. (2011). Thinking, fast and slow. Farrar, Straus and Giroux.
Kriesi, H., Grande, E., Lachat, R., Dolezal, M., Bornschier, S., & Frey, T. (2012). Political conflict in Western Europe. Cambridge University Press.
Lévy-Bruhl, L. (1910/1985). How natives think (Original work published 1910). Princeton University Press.
Lodge, M., & Taber, C. S. (2013). The rationalizing voter. Cambridge University Press.
Phillips, R. H., Prinz, W. H., & Straub, G. C. (2026). Public interpretations of neutrality: ideological and identity-based drivers of neutrality attitudes in Austria. European Politics and Society, 1–18. https://doi.org/10.1080/23745118.2026.2662958
Phillips, R. H., Prinz, W. H., & Straub, G. C. (under review). Neutrality as Policy or Ideology? A Cluster-Analysis of Austrian Attitudes Toward National Nonalignment.
Schwarz, C., & Urosevic, A. (2023). Austria’s Neutrality: Role and Options in an Evolving World Order. AIES Study 1/2023. https://www.aies.at/publikationen/2023/studie-neutralitaet-exec-summ-EN.php
Snow, D. A., & Benford, R. D. (1988).Ideology, frame resonance, and participant mobilization. International Social Movement Research, 1, 197–217.
Statista (2022). Wichtigkeit der Neutralität in Österreich. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/992825/umfrage/wichtigkeit-der-neutralitaet-in-oesterreich/
Statista (2023a). Aussagen zur Neutralität. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1320050/umfrage/aussagen-zur-neutralitaet-in-oesterreich/
Statista (2023b). Aussagen zur Neutralität. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1320050/umfrage/aussagen-zur-neutralitaet-in-oesterreich/
Statista (2024). Ist es für die Sicherheit Österreichs besser, Neutralität zu bewahren oder der NATO beizutreten? https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1096513/umfrage/neutralitaet-vs-nato-beitritt-in-oesterreich/
Tajfel, H., & Turner, J. C. (1979). An integrative theory of intergroup conflict. In W. G. Austin & S. Worchel (Eds.), The social psychology of intergroup relations (pp. 33–47). Brooks/Cole.
Wodak, R. (2015). The politics of fear: What right-wing populist discourses mean. Sage.
Zaller, J. R. (1992). The nature and origins of mass opinion. Cambridge University Press.
Quellen der Abbildungen
Abbildung 1
Quelle: https://www.dievolkspartei.at/Entwicklung-der-Drohnenabwehrstrategie-beschlossen
Abbildung 2
Quelle: https://www.facebook.com/haslwanterpatrick/posts/die-neos-und-einige-%C3%B6vp-politiker-fordern-ein-ende-der-neutralit%C3%A4t-und-wollen-ei/1309750107637074/
Abbildung 3
Quelle: https://www.facebook.com/Herr.Julia/photos/a.349849535661788/1023544224958979/?type=3&locale=hi_IN
Abbildung 4
Quelle: https://x.com/SPOE_at/status/1717215495353479450
Abbildung 5
Quelle: https://www.kpoe.at/der-konflikt-um-die-ukraine/
Abbildung 6
Quelle: https://www.mfg-oe.at/fuer-unsere-soehne-und-toechter-mfg-kaempft-fuer-neutralitaet-statt-kriegswirtschaft-in-oesterreich/
Über den Artikel
ISSN 2305-2635
Die Ansichten, die in dieser Publikation zum Ausdruck kommen, stimmen nicht unbedingt mit jenen der ÖGfE oder jener Organisation, für die die Autorin arbeitet, überein.
Schlagwörter
Österreich, Neutralität, Sicherheitspolitik, Politische Kommunikation, Öffentliche Wahrnehmung, Politische Bildung
Zitation
Phillips, R. H. (2025). Neutralität in der Krise? Österreich zwischen gesellschaftlicher Zustimmung und europäischem Sicherheitsdruck. Wien, ÖGfE Policy Brief, 03’2026.
Impressum
Österreichische Gesellschaft für Europapolitik
Rotenhausgasse 6/8–9
A-1090 Wien
Generalsekretär: Mag. Paul Schmidt
Verantwortlich: Dr. Susan Milford-Faber

Rita Helena Phillips
Rita Helena Phillipsist Senior Scientist am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung im Arbeitsbereich Allgemeine Erziehungswissenschaft und diversitätsbewusste Bildung. Ihre Arbeit ist insbesondere den Bereichen Erwachsenenbildung, berufliche Bildung sowie Sozialpädagogik und Inklusionsforschung zugeordnet.
Im Laufe ihrer akademischen Laufbahn war sie als Lecturer in Psychology an der Robert Gordon University in Aberdeen, an der University of East London sowie am St. Clare’s College in Oxford tätig. Darüber hinaus arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Johannes Kepler Universität, als Hochschullehrperson für pädagogische Psychologie an der KPH Wien/Krems sowie als Research Associate an der Oxford Brookes University und an der University of Oxford, wo sie zudem als Mellon Sawyer Fellow tätig war.
Ihre Ausbildung umfasst ein Doktorat (PhD) in Psychologie, einen MSc in Psychologie, einen MA in Konfliktmanagement sowie ein BEd im Bereich Volksschullehramt.
Foto: © Photo Riccio
