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Der Aufstieg des Neonationalismus in Europa am Beispiel der Veränderung der Sozialstruktur in Österreich und Deutschland

Von Mario Leo Rossmann

Handlungsempfehlungen

  1. Der Begriff des ‚Populismus‘ hat sich in den vergangenen Jahren, zumindest in der öffentlichen Debatte in Europa, von einem politisch-analytischen zu einem kontroversen Begriff gewandelt, der mitunter zur Diskreditierung abweichender Meinungen und Positionen genutzt wird. Daher sollte seine Verwendung im medialen und politischen Diskurs klar begriffspräzise und kontextbezogen erfolgen.
  2. Milieus, die vermehrt zur Wahl neonationalistischer Parteien neigen, fühlen sich von Teilen des politischen Spektrums nicht mehr repräsentiert und gehört. Die politische Kommunikation sollte systematisch an deren wahrgenommenen Bedürfnissen und Problemlagen anknüpfen, anstatt deren Positionen pauschal als irrational oder grundsätzlich falsch zu bewerten.
  3. Neonationalistische Akteur:innen nutzen gezielt Provokation, um andere Parteien zu geschlossener Gegenpositionierung zu verleiten. Dadurch wird das Agenda-Setting von diesen gesteuert, was ihnen die Möglichkeit gibt, sich als einzige Alternative gegen die ‚Systemparteien‘ zu inszenieren. Deshalb sollte davon Abstand genommen werden, auf jede kalkulierte Provokation empört zu reagieren. 

Policy-Kernbotschaft

Populismus präzisieren

Zuhören statt abwerten

Provokation ignorieren

Zusammenfassung

In westlichen Demokratien ist spätestens seit dem Jahr 2016 ein Aufstieg von Parteien und Bewegungen zu beobachten, die dem Rechtspopulismus bzw. Neonationalismus zugeordnet werden. Diese Entwicklung ist nicht auf einzelne Nationalstaaten beschränkt, sondern zeigt sich auch auf Ebene des Europäischen Parlaments, wo diesem Spektrum zugeordnete Parteien und Fraktionen immer stärker werden. Dieser Policy Brief behandelt mehrere Fragen: Hat die Veränderung der Sozialstruktur in diesen Ländern einen direkten Einfluss auf den wahlpolitischen Aufstieg dieser Parteien? Gibt es soziale Gruppen bzw. Milieus, die sich als Träger:innenschicht dieser Entwicklung identifizieren lassen? Wenn ja, welche sind das, und was sind ihre Beweggründe? Welche Möglichkeiten bestehen, diese für alternative politische Angebote zu gewinnen?

Anhand der Beispiele Österreich und Deutschland wird der wahlpolitische Aufstieg neonationalistischer Parteien exemplarisch dargestellt. Der Policy Brief zeigt, warum dieser nicht überraschend ist, zugleich aber kein Naturgesetzt darstellt. Außerdem wird dargelegt, warum sich der Begriff des ‚Populismus‘ allein nicht eignet, das aktuelle Phänomen zu erklären, welche sozialstrukturellen Entwicklungen das Erstarken neonationalistischer Parteien begünstigen, und warum dieses Phänomen unter gleichbleibenden politischen Bedingungen nicht kurzfristig an Bedeutung verlieren wird.

1. Einleitung

In Europa – und darüber hinaus – haben in den letzten zehn Jahren allgemein dem Rechtspopulismus zuzuordnende Parteien und Bewegungen deutlich an Zustimmung in der Bevölkerung gewonnen. Das Jahr 2016 markiert einen Wendepunkt, dessen Bedeutung bis heute nachwirkt. Die erstmalige Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika[1], die Entscheidung Großbritanniens für den Brexit[2] und die österreichische Bundespräsidentschaftswahl, bei der Norbert Hofer (FPÖ) fast 50 Prozent der gültigen Stimmen erreichte[3], sind Ereignisse mit anhaltender Wirkung. Auch nahezu zehn Jahre später zeigen sich sehr ähnliche Ergebnisse: Die Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) wurde bei der Nationalratswahl 2024 erstmals stärkste Kraft[4], und die Alternative für Deutschland (AfD) erzielte bei der Bundestagswahl 2025 in Deutschland über 20 Prozent und wurde zweitstärkste Partei.[5] Angesichts zahlreicher weiterer Beispiele, auch auf europäischer Ebene, spricht hier vieles für ein länderübergreifendes Muster, das es sich lohnt, genauer zu beleuchten. Dieser Policy Brief analysiert am Beispiel Österreichs und Deutschlands, welche Faktoren den wahlpolitischen Aufstieg rechtspopulistischer Kräfte begünstigen. Er legt dar, warum es sich dabei nicht um ein Phänomen handelt, das in absehbarer Zeit, bei unveränderten politischen Rahmenbedingungen, wieder deutlich abflachen wird. Ziel ist es, die dahinterliegenden Dynamiken in den Vordergrund zu stellen und daraus Implikationen für Politikgestaltung und politische Kommunikation abzuleiten.

These 1: Das Erstarken rechtspopulistischer Parteien hängt eng mit dem Wandel der Sozialstruktur in westlichen Demokratien zusammen.
These 2: Gesellschaftspolitische Konfliktdimensionen – etwa Migration, Identität und Klimawandel – gewinnen in der Wahlentscheidung gegenüber klassischen wirtschaftspolitischen Einstellungen an Gewicht.

2. Der Begriff des Populismus und seine Alternativen

Weniger beachtet wird, dass der Begriff des (Rechts-)Populismus in den Sozialwissenschaften nicht gänzlich unumstritten ist.

Das Wort ‚Populismus‘ leitet sich vom lateinischen ‚populus‘ (Volk) ab[6] und wird in der öffentlichen Debatte häufig unscharf und inflationär verwendet. In der Politikwissenschaft gilt Populismus als „dünne Ideologie, nach der die Gesellschaft letztlich in zwei homogene, antagonistische Lager gespalten ist […].“[7] Auf der einen Seite stehe das ‚anständige Volk‘, auf der anderen die ‚korrupten Eliten‘[8]. Damit handle es sich um einen „Aufstand von Außenseitern gegen die Etablierten.“[9] Weniger beachtet wird, dass der Begriff des (Rechts-)Populismus in den Sozialwissenschaften nicht gänzlich unumstritten ist. Der an der Universität Graz lehrende Soziologe Klaus Kraemer bezeichnet ihn als „politisch-normativen Kampfbegriff, der der Wertewelt der politischen Mitte entstammt“[10] und deshalb nicht geeignet sei, die ihm zugeschriebenen Phänomene objektiv zu analysieren. Alternativ schlägt er den Begriff des „Neonationalismus“[11] vor, da die diesem zugeordneten Akteur:innen Modernisierungsprozesse stoppen oder sogar rückgängig machen möchten.[12] Dies gilt nicht nur national, sondern zeigt sich auch auf Ebene der Europäischen Union (EU), wo im Zuge der vergangenen Wahlen zum Europäischen Parlament Parteien und Fraktionen gestärkt wurden, die EU-weiten Integrationsprozessen skeptisch bis ablehnend gegenüberstehen.[13] In der öffentlichen Debatte ist zudem zu beobachten, dass die Zuschreibung des Populismus meist anderen Parteien und Bewegungen gilt, während diese sich selbst in den meisten Fällen nicht so bezeichnen. Häufig richtet sich diese – meist als Vorwurf gemeinte – Unterstellung gegen Gruppierungen im deutlich rechten oder linken politischen Spektrum, seltener gegen jene, die sich selbst in der politischen ‚Mitte‘ verorten. Als weitere Alternative bietet sich der Begriff des „autoritären Nationalradikalismus“[14] an. Er unterscheidet sich von dem des Populismus insofern – als dass Ersterer im Gegensatz zu Letzterem – eine „destabilisierende Veränderung von Institutionen der offenen Gesellschaft und liberalen Demokratie […]“[15] anstrebt. Auch wenn hier nicht abschließend geklärt werden kann, welcher der genannten Begriffe die aktuellen Phänomene am treffendsten zusammenfasst, ist davon abzuraten, ‚Populismus’ als politischen Kampfbegriff zur Delegitimierung missliebiger Positionen anderer Parteien zu verwenden.

3. Sozialstruktur im Wandel: Von der Mittelstandsgesellschaft zur Polarisierung

In den 1960er- und 1970er-Jahren prägten bildhafte Beschreibungen der Sozialstruktur wie die „Bolte-Zwiebel“[16] und das „Dahrendorfhäuschen“[17] den sozialwissenschaftlichen Diskurs in der Bundesrepublik Deutschland. Beide Modelle ordnen die Gesellschaft primär nach ökonomischem Status und identifizieren die breite Mittelschicht als zentrale Träger:innenschicht der Gesellschaft. Sie spiegeln zugleich wider, was Helmut Schelsky als „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“[18] deutete: Gemeint war, dass durch wirtschaftliche Angleichung zwischen den sozialen Schichten die Bedeutung fortbestehender sozialer Unterschiede verringert wird. Es handelt sich dabei wahlpolitisch auch um jene Zeit, in der die beiden österreichischen Volksparteien ÖVP (Österreichische Volkspartei) und SPÖ (Sozialdemokratische Partei Österreichs) bei bundesweiten Wahlen zusammen bis zu 90 Prozent der Stimmen erreichten.[19]

Bildlich bedeutet das, dass Teile der Bevölkerung gegen eine langsam, aber stetig nach unten fahrende Rolltreppe ankämpfen müssen, um nicht von dieser nach ‚unten‘ gerissen zu werden.

Rund 20 Jahre später prägte der deutsche Soziologe Ulrich Beck die Metapher des ‚Fahrstuhls‘.[20] Symbolisch fahren in diesem alle sozialen Schichten gemeinsam ‚nach oben‘ in Richtung sozialen Aufstiegs. Verantwortlich dafür war die „Bildungsexpansion“[21], durch die das durchschnittliche Bildungsniveau in der Bevölkerung deutlich anstieg und dadurch Aufstiegschancen für weite Teile der Bevölkerung breiter verfügbar wurden. Noch einmal 30 Jahre später verändern sich die Analysen deutlich: Die ökonomische Schere zwischen jenen, die von gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen profitieren, und jenen, bei denen dies nicht der Fall ist, geht auseinander.[22] Die gesellschaftliche Dynamik entspricht nicht mehr einem nach ‚oben‘ fahrenden ‚Fahrstuhl‘[23], sondern mehr einer nach ‚unten‘ in Richtung sozialen Abstiegs fahrenden „Rolltreppe“[24], wie Oliver Nachtwey sie beschreibt. Bildlich bedeutet das, dass Teile der Bevölkerung gegen eine langsam, aber stetig nach unten fahrende Rolltreppe ankämpfen müssen, um nicht von dieser nach ‚unten‘ gerissen zu werden.[25]

Andreas Reckwitz bestätigt diese Entwicklung für jene Teile der Gesellschaft, die sich im von ihm beschriebenen „Paternostereffekt“[26] in der abwärts fahrenden Kabine befinden. Ein Paternoster ist eine Aufzuganlage, bei der zwei Kabinen parallel fahren: eine aufwärts, die andere abwärts. In der aufwärtsfahrenden Kabine befinden sich typischerweise gut ausgebildete, häufig urbane Milieus, die von den Modernisierungsprozessen profitieren und diesen deshalb auch aufgeschlossen gegenüberstehen. In der die abwärts fährt dagegen jene, die nicht im gleichen Ausmaß von den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen profitieren und diesen auch mit Skepsis begegnen. Nicht selten geht dies auch mit traditionelleren gesellschaftspolitischen Einstellungen einher.[27] Dem ist noch hinzuzufügen, dass die teils gefühlten, teils tatsächlich vorhandenen Auf- und Abstiegsprozesse nicht nur auf einer ökonomischen, sondern auch auf einer kulturellen Ebene stattfinden.[28] Dies zeigt sich auch bei Wahlanalysen, etwa zur Nationalratswahl 2024: Vor allem Städte waren Orte, in denen linke und/oder liberale Parteien besser abschnitten, während es in ländlich geprägten Regionen vorrangig Parteien rechts der politischen Mitte waren, die bessere Ergebnisse erzielten.[29] Dieses Muster ist jedoch nicht nur auf den deutschsprachigen Raum beschränkt, sondern lässt sich auch in einigen anderen europäischen Staaten wie beispielsweise in Polen und Frankreich beobachten.[30]

Das Fehlen medialer und politischer Repräsentation kann für diese gesellschaftlichen Gruppen ein wichtiger Einflussfaktor für die Unterstützung neonationalistischer Gruppierungen sein.

Aus dem Überblick über die Entwicklung der Sozialstruktur im deutschsprachigen Raum lässt sich ableiten, dass deren Wandel den wahlpolitischen Aufstieg neonationalistischer Gruppierungen begünstigt. Getragen wird dieser vor allem von Gruppen, die sich gefühlt in einer Abwärtsmobilität befinden oder – anders gesagt – sich in einer „Warteschlange“[31] wähnen und gesellschaftlichen Modernisierungsprozessen skeptisch gegenüberstehen. Infolgedessen unterstützen sie vermehrt Parteien, die diese Skepsis bestätigen. Das Fehlen medialer und politischer Repräsentation kann für diese gesellschaftlichen Gruppen ein wichtiger Einflussfaktor für die Unterstützung neonationalistischer Gruppierungen sein. Deshalb tendieren belehrende Zuschreibungen, ihre Auffassungen seien irrational oder schlichtweg falsch, dazu, ihre wahlpolitischen Entscheidungen zu verfestigen.

4. Träger:innenschichten des Neonationalismus: Zwischen Weltoffenheit und Verwurzelung

In den Sozialwissenschaften wird seit einigen Jahren kontrovers diskutiert, ob die gegenwärtige Gesellschaft als gespalten oder polarisiert zu beschreiben ist. Autoren wie Wolfgang Merkel[32] und David Goodhart[33] bejahen eine solche Zweiteilung; andere, etwa Richard Münch[34] und Nils Kumkar[35], stellen sie infrage. Merkel fasst die beiden gesellschaftlichen Großgruppen als „Kosmopolitismus versus Kommunitarismus[36]“ zusammen. Erstere gelten als Gewinner:innen und Befürworter:innen gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse. Letztere als jene, die weniger von diesen Entwicklungen profitierten und diesen auch deshalb skeptischer gegenüberstehen.

In den Sozialwissenschaften wird seit einigen Jahren kontrovers diskutiert, ob die gegenwärtige Gesellschaft als gespalten oder polarisiert zu beschreiben ist.

Diese Zweiteilung bietet eine anschauliche Orientierung, bildet die soziale Realität in ihrer Komplexität jedoch nur stark vereinfacht ab. Gleichwohl zeigen Studien systematische Unterschiede darin, welche gesellschaftlichen Gruppen und Milieus in welchem Ausmaß zur Wahl unterschiedlicher Parteien tendieren. Exemplarisch lassen sich hier die Bundestagswahlen 2017 und 2025 in Deutschland heranziehen. Für beide liegen Auswertungen vor, die den Einfluss der Zugehörigkeit zu einem der zehn Sinus-Milieus®[37] auf die Wahlentscheidung untersuchen. Diese eignen sich für wahlanalytische Vergleiche, weil neben sozioökonomischen Unterschieden auch Wertorientierungen sowie gesellschaftspolitische Einstellungen berücksichtigt werden. In diesem Spannungsfeld werden zehn unterschiedliche Milieus unterschieden, die jeweils zwischen 7 und 14 Prozent der Bevölkerung umfassen. Als „soziale Milieus werden Gruppen Gleichgesinnter mit ähnlichen Grundwerten und Prinzipien der Lebensführung […]“[38] bezeichnet. Die untenstehende Abbildung 1 zeigt die genaue Verteilung und illustriert zugleich, warum Vorgängermodelle dieser als „Kartoffelgrafik“[39] bezeichnet wurden.

Abbildung 1: Sinus-Milieus® – Verteilung aller Wahlberechtigten[40]

Aus den für 2017 berechneten Ergebnissen geht klar hervor: Nahezu alle in den Bundestag eingezogenen Parteien weisen Milieus auf, in denen sie überdurchschnittlich stark bzw. schwach abschneiden. Besonders deutlich ist dies bei den Grünen und bei der AfD der Fall. Bei Ersteren entfielen rund 72 Prozent der Stimmen auf Milieus, die den ‚Modernisierungsbefürwortern‘ (rechts oben im Koordinatensystem) zugeordnet werden. Die AfD hingegen rekrutierte knapp zwei Drittel ihrer Wähler:innen in den Milieus, die als ‚Modernisierungsskeptiker‘ zugerechnet werden. Die unter vergleichbaren Annahmen für die Bundestagswahl 2025 wiederholte Auswertung bestätigt dieses Bild weitestgehend. Die Ergebnisse sind in der untenstehenden Abbildung 2 dargestellt.

Abbildung 2: Bundestagswahl 2025 – Konfliktlinien[41]

Während Wähler:innen der Grünen mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit jenen Milieus zuzuordnen sind, die als ‚Modernisierungsbefürworter‘ gelten, rekrutiert die AfD ihre diese vorrangig in den Milieus der ‚Modernisierungsskeptiker‘. Auch wenn für Österreich keine vergleichbaren Wahlanalysen nach Milieus vorliegen, lässt sich aus Wahltagsbefragungen sowie aus Auswertungen nach sozioökonomischem Status und höchstem formalen Bildungsabschluss[42] ableiten, dass sich die Ergebnisse mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht signifikant von jenen in Deutschland unterscheiden würden.

Die genannten Befunde zeigen somit, dass vorrangig spezifische soziale Milieus als Träger:innenschichten neonationalistischer Parteien fungieren. Diese verfügen auf sozioökonomischer Ebene über unterdurchschnittliche Ressourcen, vertreten traditionellere gesellschaftspolitische Vorstellungen, weisen vergleichsweise niedrige formale Bildungsabschlüsse auf und leben mit höherer Wahrscheinlichkeit in ländlich geprägten und strukturschwachen Regionen. Sie verkörpern damit weitestgehend das Gegenbild zu jenen Milieus, die mehrheitlich linke und/oder liberale Parteien wählen, gut ausgebildet sind und ihren Lebensmittelpunkt häufig in Städten haben.[43]

Die genannten Befunde zeigen somit, dass vorrangig spezifische soziale Milieus als Träger:innenschichten neonationalistischer Parteien fungieren.

5. Resümee und Ausblick

Der wahlpolitische Aufstieg rechtspopulistischer bzw. neonationalistischer Parteien und Bewegungen in Österreich und Deutschland hängt eng mit Veränderungen der jeweiligen Sozialstrukturen zusammen. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg dominierten vor allem der Glaube an sozialen Aufstieg und Fortschritt. In den vergangenen beiden Jahrzehnten ist dies zunehmend einer Furcht vor sozialem Abstieg gewichen. Diese betrifft vor allem jene Milieus, die in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht in dem Ausmaß von Modernisierungsprozessen profitiert haben, wie erwartet. Entsprechend neigen sie bei Wahlen zur Unterstützung von Parteien, die diese Einschätzungen bestätigen. Zugleich gelingt es neonationalistischen Parteien, den „eskalierend-negativen Pol der Polarisierung“[44] wirkungsvoll zu bespielen. Solange neonationalistische Parteien dies aufrechterhalten, inszenieren sie sich als Vertreter:innen jener, die sich selbst nicht als Gewinner:innen der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen sehen. Der überwiegende Teil der anderen Parteien adressiert hingegen überwiegend jene, die diesen Prozess befürworten. Unter diesen Bedingungen ist nicht davon auszugehen, dass man retrospektiv lediglich von einem Jahrzehnt des Neonationalismus sprechen wird. Vielmehr deutet die gegenwärtige Konstellation auf eine deutlich längere Zeitspanne hin.


Literaturverzeichnis

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Fußnoten

[1] Vgl. Peter Filzmaier, Warum nur, warum? Die US-Präsidentschaftswahl 2016, in: Beatrix Karl/Klaus Poier/Manfred Prisching/Anita Ziegerhofer (Hg.), Steirisches Jahrbuch für Politik 2016, Wien 2017, 321–326 (S. 311).
[2] Vgl. Melanie Sully, Der Brexit aus Sicht einer Britin, in: Beatrix Karl/Klaus Poier/Manfred Prisching/Anita Ziegerhofer (Hg.), Steirisches Jahrbuch für Politik 2016, Wien 2017, 311–314 (S. 311).
[3] Vgl. Klaus Poier, Die „ewige“ Bundespräsidentschaftswahl 2016, in: Beatrix Karl/Klaus Poier/Manfred Prisching/Anita Ziegerhofer (Hg.), Steirisches Jahrbuch für Politik 2016, Wien 2017, 155–160 (S. 160).
[4] Vgl. Thomas M. Hofer, Die blaue Wand, in: Thomas M. Hofer/Barbara Tóth (Hg.), Wahl 2024. Kickl, Krisen, Kanzlerkiste, Wien 2024, 8–62 (S. 11).
[5] Vgl. Robert Vehrkamp, Selbstbeschädigung der Mitte. Die Ergebnisse der Bundestagswahl 2025 in den sozialen Milieus, Gütersloh 2025, S. 2.
[6] Vgl. Dirk Jörke/Veith Selk, Theorien des Populismus zur Einführung, Hamburg 2017, S. 67.
[7] Vgl. Cas Mudde/Cristóbal Rovira Kaltwasser, Populismus. Eine sehr kurze Einführung, Bonn 2019, S. 25.
[8] Vgl. ebd.
[9] Richard Münch, Polarisierte Gesellschaft. Die postmodernen Kämpfe um Identität und Teilhabe, Frankfurt/New York 2023 (S. 299).
[10] Klaus Kraemer, Sehnsucht nach dem nationalen Container. Zur symbolischen Ökonomie des neuen Nationalismus in Europa, in: Leviathan 46 (2018) 2, 280–302 (S. 281)
[11] Vgl. ebd., S. 280.
[12] Vgl. ebd. S. 282.
[13] François Hublet, 10 Key Lessons of the 2024 European Parliament Election, Groupe d’études géopolitiques, URL: https://geopolitique.eu/en/articles/10-key-lessons-of-the-2024-european-parliament-election (abgerufen 20.03.2026).
[14] Wilhelm Heitmeyer, Autoritäre Versuchungen, Berlin 2018, S. 236.
[15] Ebd.
[16] Karl Martin Bolte, Deutsche Gesellschaft im Wandel. 2. überarbeitete Auflage, Opladen 1967, S. 316.
[17] Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. 5. Auflage, München 1971, S. 97.
[18] Helmut Schelsky, Die Bedeutung des Schichtungsbegriffes für die Analyse der gegenwärtigen deutschen Gesellschaft, in: Helmut Schelsky (Hg.), Auf der Suche nach Wirklichkeit. Gesammelte Aufsätze, Düsseldorf/Köln 1965, 331–351 (S. 333).
[19] Vgl. Vgl. Fritz Plasser/Peter A. Ulram, Wahlverhalten, in: Herbert Dachs/Peter Gerlich/Herbert Gottweis/Helmut Kramer/Volkmar Lauber/Wolfgang C. Müller/Emmerich Talos (Hg.), Politik in Österreich. Das Handbuch, Wien 2006, 550–560 (S. 553).
[20] Vgl. Ulrich Beck, Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne, Frankfurt am Main 2016 [1986], S. 126.
[21] Ebd., S. 127.
[22] Vgl. Frank Decker/Bernd Henningsen/Kjetil A. Jakobsen, Revolte von rechts, in: Frank Decker (Hg.), Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Europa. Die Herausforderung der Zivilgesellschaft durch alte Ideologien und neue Medien, Baden-Baden 2015, 13–25 (S. 22).
[23] Beck, Risikogesellschaft, S. 122.
[24] Oliver Nachtwey, Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne, Berlin 2016, S.126.
[25] Vgl. ebd., S. 127.
[26] Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten. Zum Strukturwandel der Moderne, Berlin 2017, S. 284.
[27] Vgl. ebd., S. 284-285.
[28] Vgl. Kraemer, Sehnsucht, S. 292.
[29] Vgl. Sieglinde Rosenberger/Gilg Seeber, Trendig rechtsautoritär. Die Nationalratswahl 2024 in Österreich, in: Elisabeth Alber/Alice Engl/Günther Pallaver (Hg.), Politika 2025 Südtiroler Jahrbuch für Politik, Bozen 2025, 235–252 (S. 246).
[30] Hublet, Lessons.
[31] Klaus Dörre, In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte, Münster 2020, S. 15.
[32] Wolfgang Merkel, Kosmopolitismus versus Kommunitarismus. Ein neuer Konflikt in der Demokratie, in: Philipp Harfst/Ina Kubbe/Thomas Poguntke (Hg.), Parties, Governments and Elites. The Comparative Study of Democracy, Wiesbaden 2017, 9–24.
[33] David Goodhart, The Road to Somewhere. Wie wir Arbeit, Familie und Gesellschaft neu denken müssen, 2. Aufl., Iffeldorf 2020.
[34] Münch, Gesellschaft.
[35] Nils C. Kumkar, Polarisierung. Über die Ordnung der Politik, Berlin 2025.
[36] Merkel, Kosmopolitismus, S. 9.
[37] Diese wurden vom Heidelberger SINUS-Institut entwickelt;
[38] Berthold Bodo Flaig/Bertram Barth, Hoher Nutzwert und vielfältige Anwendungen. Entstehung und Entfaltung des Informationssystems Sinus-Milieus®, in: Bertram Barth/Berthold Bodo Flaig/Norbert Schäuble/Manfred Tautscher (Hg.), Praxis der Sinus-Milieus®. Gegenwart und Zukunft eines modernen Gesellschafts- und Zielgruppenmodells, 2. Aufl., Wiesbaden 2023, 3–25 (S. 4).
[39] Ebd., S. 8.
[40] Ebd., S. 15.
[41] Vehrkamp, Selbstbeschädigung, S. 7.
[42] Vgl. Laumer, David und Katrin Praprotnik, Nationalratswahl 2024. Wählerstromanalyse und Wahlbefragung, Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Wien 2024, URL: https://www.foresight.at/fileadmin/user_upload/wahlen/2024_ORF-FORESIGHT-ISA_Wahlbefragung-NRW24.pdf (abgerufen 22.1.2026).
[43] Vgl. Rosenberger/Seeber, Rechtsautoritär, S. 246.
[44] Kumkar, Polarisierung, S. 224.Zeit, sich endgültig von dieser Idee zu verabschieden.


Über den Artikel

ISSN 2305-2635
Die Ansichten, die in dieser Publikation zum Ausdruck kommen, stimmen nicht unbedingt mit jenen der ÖGfE oder jener Organisation, für die der Autor arbeitet, überein.

Schlagwörter
Populismus, Neonationalismus, Sozialstruktur, Polarisierung

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Mario Leo Rossmann
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Mario Leo Rossmann, BA MA ist Universitätsassistent (ohne Doktorat) am Institut für Soziologie der Universität Graz und dem Forschungsschwerpunkt Wirtschaftssoziologie zugeordnet. In seiner wissenschaftlichen Forschung beschäftigt er sich vor allem mit der Einstellungsforschung von Wähler:innen, gesellschaftlicher Polarisierung sowie der Geschichte und Entwicklung der Sozialstrukturanalyse im deutschsprachigen Raum.

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